Mit Psalmen feiern - unser gemeinsamer Weg

Jeden ersten Sonntag im Monat gibt es in der Michaelkirche seit 2006 den Psalmengesang ohne Orgel, angeleitet von einer kleinen Gruppe oder einzelnen KantorInnen. Den Leitvers des jeweiligen Psalms singen wir inzwischen zweimal, einmal bekommen Sie ihn vorgesungen, ein zweites Mal singt ihn die ganze Gemeinde. Und dann schließen sich die Psalmzeilen an, im Wechsel gesungen, gemeinsam in Ruhe durchatmet und meditiert. Kein Instrument bedrängt uns dabei, die Weite dieser uralten Gebete in uns aufzunehmen und nachzusingen. Auch Sie können sich daran beteiligen. Dazu braucht es keine besonderen Voraussetzungen. Nur Lust am Singen - und Lust am Herrn. So wie er Lust zu uns hat. Lassen Sie sich anstecken von dieser göttlichen Lust und der Liebe zu den Gebeten Israels. Wir freuen uns auf unsere Begegnungen im Gottesdienst und unser Singen, Beten und Feiern mit den Psalmen!

Die Psalmen finden Sie im lilanen Teil des Gesangbuchs ab der Nummer 731 (Seite 1265).

 

Mit Psalmen feiern
Ein persönlicher Weg – und eine Einladung

von Franz Wich, Pfarrer und Kantor


Im Feiern mit anderen habe ich den Reichtum und die Tiefe der Psalmen kennengelernt. Davon will ich auch selber wieder etwas weitergeben.

"Der Herr ward meine Zuversicht, er führte mich aus ins Weite. Er riß mich heraus, denn er hatte Lust zu mir." (Psalm 18, Verse 19 und 20)

So hieß einer der ersten Leitverse, die ich als Vierzehnjähriger kurz nach dem Stimmbruch unter der strengen Anleitung unseres betagten Kantors in meiner niederbayerischen Diaspora-Gemeinde von der Empore herunter mit zittriger Stimme vortrug - ständig in Angst, ich könnte vielleicht aus der Reihe singen neben meinen drei anderen Mitsängern, mit denen zusammen ich dieses liturgische Werk vollbrachte. Die führende, dirigierende Hand des Organisten zu unserem Gesang war damals unverzichtbar für mich. Und so sangen wir bis zum Kyrie und Gloria. Der Sinn der Worte, die wir da vortrugen, stand für mich zuerst ganz im Hintergrund - Hauptsache, wir sangen unsere Noten richtig.

Psalmen mit vierzehn

Der Herr hat Lust zu mir! Was für ein Satz! Was für ein Glaube! Er freut sich über mich. Er will mich. Er sucht nach mir. Er findet mich. Das ist nicht meine Einbildung, sondern sein Wunsch, daß wir zusammen sind. "Denn er hatte Lust zu mir." Was Wunder, daß mir diese Worte viel später in Zeiten des Verliebtseins wiedereinfielen? Wenn wir Menschen das schon so schön erleben, wie mag dann das alles erst zwischen Gott und uns sein?

"Gott, unser Schild, schaue doch; siehe an das Antlitz deines Gesalbten! Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser denn sonst tausend." (Psalm 84, Verse 10 und 11)

Seit dieser Zeit (mit vierzehn) stand ich fünf Jahre oben auf der Empore jener Landeshuter Erlöserkirche. Die Leitverse wiederholten sich, Jahr für Jahr. Auf die Adventszeit ("Freue dich sehr, du Tochter Zion ...") folgte das Christfest ("Uns ist ein Kind geboren ..."), der Jahreswechsel ("Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang ..."), die Epiphaniaszeit, die Vorfastensonntage usw. - und so setzte sich für mich das Jahr singend aus den Festzeiten zusammen, und die Psalmen wiederholten sich darin wie Kennmelodien vertrauter Stationen.

Ich feierte im Chor mit anderen. Ich fühlte mich getragen von jenen uralten Gebetssätzen und Psalmgesängen, die im Evangelischen Kirchengesangbuch unserer lutherischen Landeskirche in Bayern seit den 50er Jahren wiedereingeführt worden waren.

Psalmen mit zweiundzwanzig

Inmitten unserer studentischen Aktivitäten suchten wir später Orientierung und Erdung, einmal am Tag. Die Universitätskirche in Heidelberg bot sich an. Ein gotischer Bau, schlicht, den Blick nach vorne führend. Einige Stufen höher der Chor und Altarraum. Einladend zum Hinaufgehen. Wie geschaffen für das Singen: die tragende Akustik. Da standen wir dann nach der letzten Vorlesung, für gut fünfzehn Minuten noch vor dem Mittagessen, im Chorraum in zwei Reihen einander gegenüber und sangen uns die Psalmverse gegenseitig zu. Jede Gruppe einen Vers, dann wieder die andere Gruppe.

"Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist." (Psalm 34, Vers 9)

So hieß einer unserer Leitverse aus dem Allgemeinen Evangelischen Gebetbuch, das wir dazu benutzten. Bevor wir uns das Mittagessen schmecken ließen, sehnten wir uns nach einer anderen Erfüllung. Dazwischen schwiegen wir. Wir wollten noch mehr hören als nur den Klang unserer Stimmen. Da war so viel Raum in dieser Kirche. Und der Geschmack an diesem regelmäßigen Rhythmus täglicher Einkehr wuchs. Wir wurden immer mehr.

Psalmen mit zweiunddreißig

Viel später bekam ich dann die Möglichkeit, mich an der Herausgabe des Evangelischen Gesangbuchs zu beteiligen (Anfang der Neunziger Jahre). Da wußten schon einige, wie sehr ich Psalmen als Glaubensquelle schätzte. Da durfte ich zu den Tagungen der gesamtdeutschen Lutherischen Liturgischen Konferenz fahren und miterleben, wie Godehard Joppich, der jahrzehntelang die benediktinischen Ordensbrüder von Münsterschwarzach im deutschen Psalmengesang schulte und anleitete, den Gesangbuchvätern unserer evangelischen Landeskirchen die Lust am Singen der Psalmen neu einpflanzte. Aus seiner Feder stammen die einstimmigen Psalmengesänge in der "Allgemeinen Reihe" der "Psalmen zum Singen und Sprechen" im violetten Teil unseres Gesangbuchs. So Vieles aus früheren Erfahrungen floss für mich da wieder zusammen, und Neues kam dazu. Ich war reich. Ich hatte einen Schatz. Den wollte ich nicht für mich behalten.

Psalmensingen jenseits der vierzig

Kurz vor unserem Umzug nach Grafrath ist mir die Leitung der Schola der Gnadenkirche in Fürstenfeldbruck angetragen worden. Chorleiter wollte ich eigentlich nicht werden, aber reden von meinem Psalmenschatz und weitergeben, wovon ich schon so lange zehre. So habe ich die Aufgabe gerne übernommen. Als „Arte Choralis Michaelis“ können Sie unseren aufblühenden Männerchor inzwischen regelmäßig hören – auch mit Psalmen! Und jetzt, wo ich als Pfarrer keine Gemeinde leite, sondern Schüler an einem Gymnasium in München begleite, jetzt, wo ich so oft die Gottesdienste in unserer Michaelkirche mitfeiere, jetzt will ich mit Ihnen teilen, was in den Psalmen alles drinsteckt. Mit Psalmen feiern – darin sehe ich einen gemeinsamen Weg in der Kirche und in unserer Gemeinde.