Beschreibung der Michaelkirche aus dem Jahr 1987

von Grafraths erster Pfarrerin Elke Reese

Die vom Architekten Fischer 1964 erbaute Michael-Kirche spiegelt in ihrem quadratischen Grundriß mit dem Altar in der Mitte symbolisch das Weltganze mit seinen 4 Himmelsrichtungen und der zentralen Bezogenheit auf Gott ab und knüpft in ihrer Zeltform an das Heilige Zelt im Alten Testament und das Wandernde Gottesvolk des Neuen an, dessen Heimat nicht in der Zeitlichkeit liegt.
„Michael“ bedeutet auf Deutsch den Ruf „Wer ist wie Gott!“, mit dem sich der Erzengel entsprechend der Offenbarung das Johannes aus dem Himmel auf den Teufel stürzt, um ihn zu vernichten.
Die Einzelgestalt des Erzengels hätte für eine bildnerische Ausgestaltung der gesamten Kirche zu wenig ausgetragen, so wurde der Kirchenmaler Hubert Distler, Grafrath, gebeten, ein Bildprogramm zu gestalten, das eine Auslegung dieses Namens enthalte. Er tat dies mit dem 1,50m hohen und 48m langen umlaufenden Wandfries in farbigem Halbrelief aus Holz, der wesentliche Etappen der Heilsgeschichte und der Hoffnung der Christenheit umfaßt.

Beim Eintritt fällt der Blick als erstes auf das beherrschende Relief an der Stirnwand: Gott der Schöpfer in Gestalt eines geflügelten Sonnenkreises mit mächtigen Schwingen, die fast über die ganze Breite der Wand reichen. Eindrücke aus einer Ägyptenreise von der Darstellung des Sonnengottes Re verbanden sich für den Künstler mit den ersten Zeilen der Bibel: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Das Rauschen der Flügel meint man fast zu hören. Alle Farben, von der dunklen des Materiellen bis zum reinen Weiß der Heiligkeit sind in ihm enthalten. In Gott selbst gibt es keine sich ausschließenden Gegensätze mehr. Der schwingende Kreis, das Symbol für Vollkommenheit und Unendlichkeit, ist mit dem Dreieinigkeitszeichen wie mit einem Auge versehen. Die uns zugewendete Seite Gottes als Schöpfer, Erlöser, Vollender drückt es aus. Als meine es: mehr, unendlich mehr bin ich, als ihr von eurem Standort aus zu fassen vermögt, ein Rauschen von Ewigkeit her in eurer kurzen, ein paar Jahrtausende währenden Geschichte...

Klein nimmt sich auch der brennende Dornbusch des Mose aus, in dessen Zweigen ebenfalls das Trinitätszeichen schwebt. „Ich bin der für Euch“ oder auch in anderer Übersetzung „ich bin, der ich bin“ lautet die Stimme aus ihm, und „Ich habe das Elend meines Volkes angesehen“; sie akzentuiert die Heilsgeschichte, die an den drei anderen Wänden ihre Darstellung gefunden hat.
Vom Bild der geflügelten Schöpfersonne über dem Altar ziehen sich die Gestirne des Himmels herüber zur rechten Seitenwand, das irdische Geschehen der Geburt Christi mit seinem himmlischen Ursprung verbindet. Drei dunkle Sterne liegen wie begraben. Sie haben dieselbe Farbe wie der „Scherbenhaufen Erde“ (Hubert Distler), in den das Kind geboren wird, als als drückten sie aus: selbst Unglück und Elend vermögen sich, wenn Gott es will, in in himmlischen Stoff zu verwandeln und zu leuchten. Aber auch das andere: Unglück und Elend können selbst göttliches Leuchten erlöschen lassen: beides wird in Jesu Leben, Tod und Auferstehung vor Augen geführt.
Der Totenkopf erinnert an den Namen „Schädelstätte“, den Hinrichtungsplatz draußen vor den Toren der Stadt, weit weg von allem Lebendigen, wo die hingeraten, die von den übrigen fallengelassen werden. Aber vielleicht mahnt er auch an den Ur-Menschen Adam, der schuld- und todverfallen ist. Auch ins Wachfeuer des Petrus ist ein Kreuz eingezeichnet, in das Feuer, das wärmen sollte und Kälte erzeugt. Das einzige, was unwissend für die Wahrheit eintritt, ist die Kreatur; unübersehbar der krähende Hahn, bei dessen letztem Schrei es heißt „und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“.
„Ecce homo!“ -  „Seht, welch ein Mensch!“, der Aufruf des Pilatus, ist das umgreifende Thema dieser Wandseite.
An der Eingangswand findet sich dann das genaue Pendant zu Gott dem Schöpfer an der Stirnwand, gestaltet mit denselben Mitteln des geflügelten Kreises, dessen mächtige Schwingen weiß hinauswehen. Nur daß die goldhelle Scheibe, mit einem schmalen weißen Kreuz gezeichnet und von zwei flammenflügeligen Engelwesen flankiert, sich über einem Grab mit zwei Totenschädeln (Adam und Eva?) erhebt.
Auferstehung Christi – er habe es noch nie gewagt, den Erstandenen anders als streng symbolisch darzustellen, äußerte Hubert Distler einmal.
Die Scheibe vermittelt einen Eindruck wie von Sonnenlicht, und Christus wird ja im Neuen Testament und der Liturgie das „Licht dieser und der zünftigen Welt“ genannt. Die Ostersonne sieht man aufgehen, die er selber ist; zugleich aber ist die Analogie zu dem Gottesbild des Schöpfers so stark, daß sofort deutlich wird: Christus tritt durch die Auferstehung in den Bereich Gottes ein. Die beiden Engel sind Hüter, begrenzend und verweisend, wie eine Art Markierung dafür, daß die Gottheit selbst sich ändert, indem sie das Kreuz in sich hereinnimmt.

Das Gebälk des Stalles ist nur angedeutet, der Himmel über dem Halbkreis der Erde in Stücke gebrochen. Der Kreis, die überall erkannte Grundform menschlichen Gestaltens, die Einigkeit und Vollendung abbildet, ist zerstört. Das war einmal alles vollkommen, man kann es noch an den Fragmenten sehen. Das war einmal Gottes einzigartiges Werk, diese vollkommene schöne Welt, bis den Menschen der Himmel zerbrach und die Welt in Trümmern ging. Oder ging sie zuerst in Trümmer und zerbrach manchem darüber dann der Himmel?
So wäre die Erde für Gott zum Wegwerfen, gäbe er da nicht sein altes Versprechen „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Kitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“
Auch der zerbrochene Himmelskreis erinnert noch an den Regenbogen in Wolken der Sintflutgeschichte. Und so wird als Retter das Kind geboren. In Kreuzform steht es auf Zerborstenem, mit einem großen aufmerksamen Auge dem Betrachter und mit dem Profil dem Stern zugewendet. Um es ist weißes helles Licht, das der Schein des Sternes nur vermehrt, der durch eine Lücke ins Irdische einbricht.
Es ist eigentlich ein ähnliches Motiv, wie das der verschütteten Sterne: wäre der Himmel nicht zerbrochen, würde jedenfalls dieses Licht nicht hineinscheinen auf alles irdische Elend. Nach rechts hinaus weht und lodert dieses Licht der göttlichen Gegenwart in flügelähnlicher Gestalt weiter und taucht ähnlich stark wieder auf bei der Auferstehung. „Gott wird Mensch“ ist so das unübersehbare Thema der Distlerischen Darstellung.

Vom irdischen Leben Jesu von Nazaret ist im Glaubensbekenntnis nur dreierlei angesagt: geboren – gelitten – gestorben. Auch auf Hubert Distlers Fries in der Michael-Kirche ist an der rechten Seite neben der Geburt nur dies in symbolischer Form herausgearbeitet: gelitten – gestorben.
Jesu steht da, bloß und wehrlos mit herabhängenden Armen, und bildet mit der Senkrechten seines Leibes zugleich den Kreuzstamm, die Querbalken sind von beiden Seiten her angedeutet. Auffällig ist, daß er bereits die fünf Wunden trägt, obwohl er weder als Toter noch als Erstandener dargestellt ist. Es ist sozusagen der immer verwundete Christus, der ständig von Leid gezeichnete Mensch.
Er trägt einen Heiligenschein nicht allein, weil er Christus ist, sondern weil er auf das große, dunkle, querliegende Kreuz, zwischen dessen Balken sich die „arma Christi“, die symbolischen Gegenstände der Passion, befinden. Dieses Kreuz im Gegenüber zu dem ein Kreuz bildenden Verwundeten hat starke zeichenhafte Kraft: Das Leid der Menschheit gewinnt auf dem weißen Hintergrund, der immer als Farbe der Heiligkeit Gottes verwendet wird, eine vor Gott gültige Gestalt. Hammer, Zange, Nägel, Lanze, Essigschwamm und Gallekrug, Würfel und Gewand, die über dem Wachfeuer sich wärmende Hand des Petrus, der seinen Herren dabei drei mal verleugnet, bilden zusammen das Kaleidoskop von Brutalität, Gleichgültigkeit und Treulosigkeit, aus dem der Tod Jesu erwächst.

Es ist ein großes, feierliches Bild. Auf eine merkwürdige Weise bleibt bei dieser Komposition das Grab da, es ist keineswegs ausgelöscht, so wie das Sterben in dieser Welt weitergeht, aber das Licht darüber ist Er, das gilt. Das Sterbliche geht über in den unnennbaren Glanz Gottes.
Über dem Portal der Michael-Kirche befindet sich eine Darstellung, deren Thema die Ausbreitung des Evangeliums durch den Apostel Paulus über die Grenzen des Orients, der Provinz Asia, hinweg nach Europa ist.Entsprechend dem Bericht des 16. Kapitels der Apostelgeschichte des Lukas hatte Paulus zwar schon umkehren wollen, doch „der Geist ließ es nicht zu“. Schicksalhaft also steht er nun am Ufer des Meeres bei Troas und blickt hinüber. Die großen Augen spiegeln das (Gesicht) wieder, das ihn in der Nacht befällt: ein mazedonischer Mann ruft ihm zu „komm herüber und hilf uns!“.
Längst, ehe er selbst etwas zu bewirken vermag, fliegt die Geisttaube ihm voraus, um den Menschen das Herz zu öffnen. Der große Kreis mit den zuckenden Pfingstflammen und dem Dreieinigkeitssymbol schwebt bereits über den trennenden Fluten. Durch hellfarbige Linien von ihm aus zu jedem Ufer und von Paulus aus, der – Flammenzeichen vor ihm – geistgeleitet von der Küste abstoßen wird, wird unterstrichen, daß das andere Ufer wie im Sprung genommen wird.

Interpretiert man zuviel hinein, wenn einen diese Darstellung auch an die Schöpfungsgeschichte erinnert, bei der Gottes Geist vogelgleich über der Urflut brütet und schließlich aus dem Wasser die Welt entsteht? Etwas ganz Neues, Folgenschweres entsteht ja wirklich mit diesem Übergang. Und fast wie eine Hand greift es vom jenseitigen Ufer nach der Botschaft.
Doch spiegelt sich auch die Taufsymbolik: die verschlingende Flut wird durch göttlichen Geist geheiligt und zum Lebenselement für viele Völker. Zur Linken folgt der Bezug zur Offenbarung des Johannes mit den großen Hoffnungsbildern des christlichen Glaubens: dem Buch mit den 7 Siegeln, die am Ende geöffnet werden, dem himmlischen Jerusalem als Wohnstätte Gottes zusammen mit den Menschen und rechts über der Orgel die 7 Leuchter als Sinnbild des nie erlöschenden Gebets vor Gott. Aus der Offenbarung des Johannes stammt ja auch der Kirchenname, so steht diese Seite in besonderer Beziehung zu ihm.

Das Motiv des 7fach versiegelten Buches stammt ursprünglich aus den Visionen des Propheten Hesekiel und wurde von dort als Motiv nach Offenbarung 5 übernommen. Hubert Distler hat nicht eine antike Buchrolle dargestellt, die mit den 7 Siegeln verschnürt gewesen wäre, sondern einen verschlossenen Band mit den Endbuchstaben des griechischen Alphabets, Alpha und Omega auf dem Deckel, aus dem die Siegel wie Lesezeichen heraushängen.
Diese Buchstaben beziehen sich auf das Wort des in der Vision geschauten Christus: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige und habe die Schlüssel der Hölle und des Todes“: Die Geschichte auf der Erde mit all ihrem Grauen, das die „Lesezeichen“ markieren, wird ein Ende finden, wie sie einen Anfang hatte. Vor dem Anfang steht er als Schöpfer, wie er an ihrem Ende steht als Richter. Der Satz wiederholt sich noch einmal im 21.Kapitel mit der Fortsetzung „Ich will dem Durstigen geben von den Brunnen des lebendigen Wassers umsonst“. Deshalb ist das Buch auch in einen Kreis hineingeschnitten, der zwar in sich selbst Sprünge zeigt und darin die Zerbrochenheit der menschlichen Existenz, ebenso aber auch, daß diese Zerbrochenheit doch letzten Endes zusammengefügt wird zu etwas Vollkommenem.
Die beiden Aspekte zeigen sich auch in dem strahlend weißen Innenfeld, das immer Gottes Heiligkeit anzeigt und in den Kreuzbalken links außen, sowie den „Ertrunkenen“ Sternen rechts unten.

Und dann wehen wieder die weißen Flügel, diesmal um das Sehnsuchtsbild der Vollendung, das himmlische Jerusalem. Es ist mit wenigen Ziegeldächern südlicher Häuser nur angedeutet, unübersehbar aber und eigentümlich heiter und schon die 12 Perlentore in goldgelb, über deren Scheitel jeweils ein Stern leuchtet. Diese Sterne sind untereinander verbunden, als reichten sie sich die Hand zum Reigen, wie überhaupt die ganze Darstellung etwas Festliches hat; die gleißend weißen Wege beruhen auf dem Vers: „die Gassen der Stadt waren wie lauteres Gold, durchscheinend wie Glas.“ Im biblischen Text wird deutlich,  wie die Herrschaft Gottes nichts Strenges mehr an sich hat, sondern alles zum Leuchten und Grünen bringt. Mit wenigen elementaren Mitteln ist es dem Künstler gelungen, davon etwas ins Sichtbare umzusetzen.
Zum 20jährigen Bestehen schenkt Hubert Distler der Gemeinde als Wandschmuck einen kreisförmigen Druckstock mit Erzengel Michael im Kampf gegen den Drachen. Er hängt im Gemeinderaum an der Stirnwand.

Türgriffe, Kreuz und Altarleuchter sowie Kanzel und Opferstock sind Entwürfe von Pfarrer W. Remshard, dem Ortspfarrer zur Zeit der Erbauung.
Außen an der Wand rechts von der Eingangstüre befindet sich außerdem ein eichengeschnitztes äthiopisches Kreuz, das der Kirchengemeinde am 1.Advent 1986 von äthiopischen Asylbewerbern zum Dank überreicht wurde.

Elke Reese